Artikel als PDF (120KB) aus der Südostschweiz vom 7. Dez. 2005
Eine Türstörung mit weitreichenden Folgen
Glarner Pendlerverein besichtigte SBB-Betriebsleitzentrale Zürich
Zwar hält sich jeder für den wichtigsten Kunden der SBB. Dann, wenn der Zug nicht fahrplanmässig fährt. Bei Störungen müssen die Mitarbeiter der Betriebsleitzentrale in Zürich aber innert Sekunden entscheiden...
cto. 16 Glarner Zugpendler folgten kürzlich der Einladung des Pendlervereins, einen exklusiven Einblick in die Betriebsleitzentrale der SBB in Zürich zu erhalten. Zuerst jedoch gabs erst mal eine Portion Theorie.
Betriebsleiter Markus Feldmann zeigte auf, wie die SBB ihren Betrieb organisiert haben, um sicherzustellen, dass die tausenden von Zügen, die täglich über das Schweizer Schienennetz brausen, heil und genau nach Fahrplan aneinander vorbei kommen.
Komplexer als gedacht
Nach einer kurzen Einführung in das Wesen der Netzpläne durften die Pendler selber einmal zeigen, was sie vom Zugverkehr verstehen. Supponiert wurde, dass im Zürcher Oberland eine S-Bahn wegen einer Türstörung nicht fahrplangemäss losfahren kann. Die sofort informierte Betriebsleitzentrale sollte nun entscheiden, was zu tun ist.
Die von den fahrplanerischen Zauberlehrlingen vorgeschlagenen Lösungen waren zwar kreativ, aber nicht unbedingt praxisorientiert: «Zug rausnehmen!» wurde ebenso vorgeschlagen wie «Schneller fahren!»
Beide Varianten taugten nichts. Einen Zug kann man nicht wie eine Modelleisenbahn einfach rausnehmen. Und schneller fahren geht auch nicht, weil der aktuelle schlanke Fahrplan kaum mehr Spielraum umfasst.
So lernten die Pendler eindrücklich, dass zuerst ganz andere Fragen gestellt werden mussten. Zum Beispiel: Zu welcher Tageszeit tritt das Problem auf? Bewegen sich die Pendlerströme stadtein- oder -auswärts? Sind eingleisige Verbindungen zwischen den Bahnhöfen? Bestehen Kreuzungsmöglichkeiten in den Bahnhöfen und so weiter.
Markus Feldmann führte eindrücklich vor, wie die supponierte Verzögerung sich auswirkte auf Folge- und Anschlusszüge. Wie eine kleine Türstörung unter Umständen tausende von Zugreisenden - in anderen Zügen - beeinträchtigt.
Information ist alles
In einer angeregten Diskussion brachten die Pendler sodann eine Fülle von Wünschen und Vorschlägen bei Markus Feldmann an. Wichtig für die Zugreisenden ist vor allem die möglichst schnelle und präzise Information.
Markus Feldmann räumte Verbesserungspotenzial bei der Kommunikation ein, gab aber auch zu bedenken, dass Störungen praktisch nie im Voraus bekannt sind und deshalb zwangsläufig immer improvisiert werden müsse.
Zu komplex für Computer
Anschliessend konnten die Glarner Pendler die Betriebsleitzentrale besichtigen. Jeder einzelne der Disponenten kontrolliert vor einem Halbkreis von etlichen Monitoren das Geschehen über Netzfahrpläne. Unregelmässigkeiten werden telefonisch oder über Funk gemeldet.
Der zuständige Disponent hat dann innert Sekunden zu entscheiden, welche Massnahmen er ergreifen will, um die Auswirkungen auf den Regelbetrieb so gering wie möglich zu halten.
Das System ist derart komplex, dass der Computer keine Simulationen als Entscheidungshilfen anbieten kann. Einzig die Erfahrung und das Können des Disponenten entscheiden. über den regulären Betrieb hinaus müssen täglich auch viele Sonderfahrten, vor allem Güterzüge, abgefertigt und im Netzplan untergebracht werden. Weitere Spezialisten - alle im Schichtbetrieb - unterhalten die elektronischen Informationen auf den verschiedenen Teletextseiten («Bahnstreik in Frankreich», «Stromausfall in Norddeutschland») und leiten die Passagiere der Zürcher S-Bahn mit Lautsprecherdurchsagen aufgrund von Fahrinformationen und Perronkameras.
Die zweistündige Veranstaltung verdankte Pendlervereinspräsident Res Schlittler mit etwas Wein aus dem Glarnerland. Er wollte sichergestellt wissen, dass eine Flasche an den für die Glarner Pendler zuständigen «Betriebsdisponent Linth» gehe. Für alle Fälle...
Artikel als PDF (120KB) aus der Südostschweiz vom 7. Dezember 2005